Auch Österreich schafft Isolation ab: Warum Deutschland weiter daran festhält

Erst vor kurzem erntete Ärzte-Chef Andreas Gassen für seine Forderung, die Isolationspflicht für Corona-Positive zu beenden, scharfe Kritik – allen voran von Karl Lauterbach. Andere europäische Länder haben diesen Schritt in Richtung Normalität längst vollzogen – nun folgt auch Österreich.

Die Sommerwelle rollt, auch in den Nachbarländern. Während in Deutschland die bundesweite Inzidenz nach offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts bei über 600 Fällen pro 100.000 Einwohnern liegt, ist sie in den Nachbarländern teilweise deutlich höher. In Österreich beispielsweise liegt sie sogar derzeit bei weit über 800.

Keine Isolationspflicht für Corona-Positive in Österreich ab 1. August

Alledem zum Trotz entschied sich das kleine Nachbarland dennoch für einen Schritt, der auch in Deutschland von einigen gefordert wird: Ab 1. August will die Regierung in Wien die Isolationspflicht für Corona-Infizierte abschaffen. Das bedeutet: Wer infiziert ist, darf sich frei bewegen, muss allerdings eine FFP2-Maske tragen – außer im Freien und wenn der Abstand zu anderen Menschen mindestens zwei Meter beträgt. 

Nur wer krank ist, solle zu Hause bleiben, appellierte Gesundheitsminister Johannes Rauch an die Bürger. „Wir machen jetzt Verkehrsbeschränkungen statt verpflichtender Quarantäne“, sagte er in Wien. Rauch sprach von einer „neuen Phase der Pandemie“, in der diese sich mit Impfungen und Medikamenten bekämpfen lasse.

Eine Meldepflicht gelte aber weiterhin, um einen Überblick über das Krankheitsgeschehen zu behalten. Rauch verwies auf internationale Vorbilder wie etwa Dänemark ,  Norwegen und Großbritannien . Dort sei die Quarantäne ohne größere Folgen teils seit Monaten abgeschafft.

Spanien, Griechenland, Schweiz – andere Länder schon längst ohne Isolationspflicht

Damit geht Österreich einen weiteren Schritt in Richtung Normalität, den andere Länder in Europa schon längst vollzogen haben.

  • Auch in der Schweiz wurde die Isolationspflicht bereits im April abgeschafft.
  • Schweden , das schon seit Pandemiebeginn für seinen Sonderweg bekannt ist, empfiehlt lediglich Positiven mit Symptomen, sich zu isolieren.
  • In Spanien dürfen Positive mit Maske sogar zur Arbeit, nur wer schwere Symptome hat, bleibt auch dort daheim.
  • Sogar Italien plant die bisher strengen Regeln zu lockern, sodass Positive ohne Symptome sich bereits nach 48 Stunden freitesten können.
  • In Frankreich verabschiedete das Parlament ein Gesetz, welches das Ende sämtlicher Corona-Maßnahmen ab dem 1. August festschreibt.

Lauterbach lehnt ab:  „Infizierte müssen zu Hause bleiben“

In Deutschland scheint eine Lockerung der Isoaltionsregeln undenkbar. Als KVB-Chef Andreas Gassen vor nur wenigen Tagen eine Aufhebung der Isolationspflicht forderte, ging ein Aufschrei durch das Land. Allen voran Karl Lauterbach lehnt dies vehement ab. „Infizierte müssen zu Hause bleiben. Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen noch mehr, sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko“, schrieb der Bundesgesundheitsminister am Samstag auf Twitter.

Mit Lockerungen könnte Personalnot gelindert werden

Dabei forderte auch Gassen, dass Covid-Kranke weiter daheim bleiben: „Wer krank ist, bleibt zu Hause. Wer sich gesund fühlt, geht zur Arbeit. So halten wir es mit anderen Infektionskrankheiten wie der Grippe auch“, sagte Gassen gegenüber der „ Neuen Osnabrücker Zeitung “. „Wir müssen zurück zur Normalität“, so Gassen.

Hintergrund seiner Forderung sind die Personalengpässe in Kliniken und anderswo, die dadurch entstünden, dass positiv Getestete nach der aktuellen Regelung auch ohne Symptome mehrere Tage zu Hause bleiben müssen. Mit einer Lockerung dagegen könne die Personalnot vielerorts gelindert werden.

Virologe Stöhr: Müssen Corona wie normale Krankheit behandeln

Rückendeckung für seine Forderung erhielt Gassen nicht nur von der FDP, sondern auch von Virologe Klaus Stöhr. Schon seit Monaten plädiert er dafür, dass Corona wie jede andere Erkrankung behandelt wird. Zu Beginn der Pandemie seien die strengen Quarantäne-Regeln sinnvoll gewesen, aber aktuell sei die Situation trotz Sommerwelle entspannt, sagte er dem „ WDR “. Es gäbe deshalb keinen Grund mit Corona-Fällen anders als mit anderen Atemwegserkrankungen umzugehen.

„Das Corona-Virus zirkuliert frei in der Population“, so Stöhr weiter. Die Dunkelziffer bei den Infektionen sei so hoch, dass die Verbreitung des Virus durch keine staatliche Maßnahme mehr eingedämmt werden könne.

Epidemiologe Ulrichs: „Forderung ist fahrlässig“

Dennoch teilen viele Experten in Deutschland diese Meinung nicht. Auch der Epidemiologe Timo Ulrichs hält Gassens Vorschlag für gefährlich: „Die Forderung von Herrn Gassen ist fahrlässig, und in wenigen Wochen werden zur Isolation auch wieder andere Maßnahmen kommen müssen, um die Sommerwelle zu kontrollieren und sich bestmöglich auf die zu erwartende Herbstwelle vorzubereiten“, sagt Ulrichs auf Nachfrage von FOCUS online.

Die Isolation abzuschaffen, wäre angesichts der aktuellen epidemiologischen Lage nicht nur ein falsches Signal an die Bevölkerung, sondern auch ganz praktisch eine Entscheidung, die dem Virus Tür und Tor öffnete, führt Ulrichs weiter aus. „Damit wären wir für die Herbst- und Wintersaison noch schlechter aufgestellt als ohnehin schon.“ Der Zweck der Isolation sei ja eine Hemmung der Übertragung des Virus. Sie wurde ja bereits auf ein Minimum verkürzt. „Die jetzige Isolationsdauer sollte unbedingt beibehalten werden, damit wir wenigstens über diesem Weg die Virusausbreitung einigermaßen kontrollieren werden“, empfiehlt Ulrichs.

Patientenschützer Brysch: „Isolation schützt“

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, empörte sich über diesen Vorschlag und warf Gassen „Opportunismus“ vor. „Die Isolation schützt. Denn so wird verhindert, dass sich andere anstecken.“ Er verwies auf Long- und Post-Covid – also Beschwerden noch nach mindestens vier und mindestens zwölf Wochen nach der Infektion.

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